Am 22. März, dem Weltwassertag, richtet sich weltweit die Aufmerksamkeit auf eine unserer wichtigsten natürlichen Ressourcen. Im Jahr 2026 steht die Veranstaltung unter dem Leitthema „Wasser und Gleichheit – Wasser, das Chancen schafft“.

Infolge des Klimawandels treten extreme Wetterereignisse immer häufiger auf: llange Dürreperioden werden von plötzlich einsetzenden, extrem intensiven Regenfällen unterbrochen. Diese Doppelbelastung – Wassermangel und das Risiko von Sturzfluten – stellt die traditionellen Grundsätze der städtischen Wasserbewirtschaftung grundlegend infrage.

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Die moderne Stadtplanung beantwortet diese doppelte Herausforderung mit dem sogenannten „Schwammstadt“-Konzept (Sponge City). Dieser Ansatz, dessen Grundsätze auch in den neuesten ungarischen fachlichen Leitfäden – darunter den Budapester Heften zur Grüninfrastruktur – festgehalten sind, prägt die nachhaltige Stadtentwicklung der Zukunft in umfassender Weise.

Schwammstadt: oder die Nachahmung des natürlichen Wasserkreislaufs

Im Kern geht es bei der Schwammstadt um eine systemische Anpassung: Ziel ist es, dass Siedlungen bei Niederschlag so reagieren wie ein natürliches Ökosystem.

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Dies lässt sich so erreichen, dass Niederschlag nicht als „Abfall“ behandelt wird, der möglichst schnell aus dem städtischen Gefüge abgeleitet werden muss, sondern als Ressource, die vor Ort gehalten werden soll. Der Prozess beruht auf drei Säulen: der örtlichen Versickerung, der Speicherung und der verzögerten Ableitung des Wassers.

Auf Geländeniveau stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um das Konzept umzusetzen. Dazu gehören zum Beispiel:

• wasserdurchlässige Beläge und Regengärten, also Flächen, die es dem Wasser ermöglichen, direkt in den Boden einzudringen und dadurch den Oberflächenabfluss zu verringern;

• Versickerung unterhalb der Frostgrenze sowie der Einsatz von Wurzelzellen unter befestigten Flächen, die selbst in dicht bebauten Innenstadtbereichen eine enorme Speicherkapazität für die Vegetation bereitstellen.

Bei Starkregen verhindern die als „Schwamm“ wirkenden Flächen und Elemente der Stadt, dass das Kanalnetz versagt, überlastet wird und sich Wasser über die Straßenflächen ergießt. In Trockenperioden geben diese unterirdisch gespeicherten Wassermengen den städtischen Grünflächen eine Überlebenschance und können durch Verdunstung die Umgebung kühlen.

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Diese Technologien haben inzwischen auch in Ungarn die Experimentierphase verlassen. Ein gutes Beispiel dafür ist das nach derzeitigem Stand im Mai fertigzustellende Pilotprojekt in der Gogol utca in Szeged, das zeigt, dass sich bodennahe Wasserrückhaltung und die Modernisierung städtischer Infrastruktur erfolgreich miteinander verbinden lassen.

Dort jedoch, wo auf Geländeniveau kein Platz mehr vorhanden ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Dächer. Hier verlassen wir jedoch die herkömmlichen Dachlösungen und betreten die Kategorie der besonderen Baukonstruktionen.

Das Einstaudach als besondere Baukonstruktion

Bei herkömmlichen Dächern gilt als Grundprinzip, dass Wasser von der Dachfläche möglichst schnell abgeführt werden soll. Dazu wird je nach Unterkonstruktion und Dachausbildung (Flachdach oder geneigtes Dach) mit einer festgelegten Mindestneigung geplant. Bei Einstaudächern hingegen wird mit der bewussten, betriebsmäßigen Anwesenheit und Rückhaltung von Wasser gerechnet, was eine extreme Beanspruchung und ein erhöhtes Risiko für die gesamte Gebäudekonstruktion bedeutet. Um die Wasserspeicherkapazität zu maximieren und gleichzeitig genau berechenbare Abflussverhältnisse zu gewährleisten, werden diese Systeme häufig mit gefälleloser Ausbildung empfohlen.

Es ist wichtig zu betonen, dass Einstaudächer nicht einfach mit Kies oder Vegetation belegte Flachdächer sind. Es handelt sich um technisch hochkomplexe Lösungen, die sowohl in der Fachplanung als auch in der Ausführung zur Kategorie der besonderen Baukonstruktionen gehören. Hinsichtlich ihrer Funktionsweise können sie in vielerlei Hinsicht eher als geregelte technische Systeme denn als herkömmliche Baukonstruktionen betrachtet werden.

Funktional lassen sich zwei Haupttypen unterscheiden:

• Wasserhaltesysteme, deren Ziel die längere Rückhaltung von Wasser ist, vor allem zu Verdunstungs- und Bewässerungszwecken. Dies geschieht hauptsächlich über geschlossene gartenbauliche Elemente, die für diese Funktion ausgelegt sind. Zu den Wasserhaltesystemen gehören Gründächer und ihre verschiedenen Varianten.

• Systeme mit verzögerter Wasserableitung, bei denen die Dachflächen als Puffer wirken: Sie speichern Wasser nur vorübergehend und leiten es anschließend mithilfe eines regulierenden Ablaufelements verlangsamt in das öffentliche Netz ab.

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Risiken aus ingenieurtechnischer Sicht

Der Status als „besondere Baukonstruktion“ bringt mit sich, dass die Möglichkeiten eines Versagens minimiert werden müssen. Planende und Ausführende haben Risiken in mehreren Bereichen zu beherrschen:

• Die Frage der Unterkonstruktion und des Gefälles ist zentral, denn das Gewicht des Wassers ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Die bewusst zurückgehaltene Wassermenge (zum Beispiel 10 cm Wassersäule auf 1 m² – ca. 100 kg/m² Last) belastet die Tragkonstruktion und die Abdichtungsschichten erheblich. Das Streben nach einer „gefällelosen*“ Ausbildung erhöht das Risiko zusätzlich: Hat die Decke ein herkömmliches Gefälle, sammelt sich das planmäßig zurückgehaltene Wasser ungleichmäßig; fehlt das Gefälle ganz, steigt das Risiko im Schadensfall weiter an.

• Bei der Auswahl von Wärme- und Abdichtungssystemen schränkt die Frage der dauerhaften bzw. zeitweisen Wasserbelastung an der Oberfläche die möglichen Materialien und Konstruktionslösungen ein und beeinflusst sie zugleich. Während bei einem konventionellen Dach die Abdichtung das Wasser lediglich „abweist“, kann sie bei einem Einstaudach zeitweise hydrostatischem Druck ausgesetzt sein. Deshalb ist in der Planung auch auf bauphysikalische Fragestellungen besonders zu achten, etwa auf die Lage der Wärmedämmung (klassischer oder umgekehrter Schichtenaufbau) und auf die Wasseraufnahmeeigenschaften der Materialien.

*In der Realität wird ein Dach niemals vollständig gefällelos sein: Zwischen der geplanten konstruktiven Durchbiegung und dem ausgeführten Dach mit seinen Nutzungsschichten bestehen erhebliche Unterschiede. Ein Einstaudach ist stets so zu planen, dass kein Ablauf in eine Hochpunktlage gerät. Für die Not- und Wartungsentwässerung muss dennoch ein Mindestgefälle vorgesehen werden.

Kernaussagen zur städtischen Wasserrückhaltung

Die Botschaft des Weltwassertags 2026 ist besonders aktuell: Die Anpassung an Wasser ist heute nicht mehr nur eine Umweltfrage, sondern eine Grundvoraussetzung für die Funktionsfähigkeit, Lebensqualität und gerechte Entwicklung von Siedlungen.

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Das Schwammstadt-Konzept gibt darauf eine systemische Antwort, indem es Regenwasser als vor Ort zu haltende Ressource versteht und die städtische Funktionsweise mithilfe von Versickerung, Speicherung und verzögerter Ableitung an den natürlichen Wasserkreislauf annähert. Spezielle, gebäudebezogene Ausprägungen dieses Ansatzes sind Einstaudächer, die dort eine technische Lösung für die Wasserrückhaltung bieten, wo die Möglichkeiten auf Geländeniveau – oder sogar unter Geländeniveau – bereits begrenzt sind. Während die Schwammstadt insgesamt eine Strategie im städtischen Maßstab ist, stellt das Einstaudach eines ihrer besonderen konstruktiven Elemente dar, das ein hohes Maß an technischer Disziplin, präziser Planung und verstärktem Risikomanagement erfordert. So kann Wasser zu einem echten chancenstiftenden Element klimaadaptiver Stadtentwicklung werden.

Die nachhaltigen Siedlungen der Zukunft können nur dann wirklich widerstandsfähig sein, wenn die Grundsätze der Wasserrückhaltung von den öffentlichen Räumen bis zu den Dachniveaus sowie vom städtebaulichen Denken bis zur konstruktiven Detailausbildung konsequent und integriert angewendet werden.

Quellen

• die Diplomarbeit von Bence Blaesius mit dem Titel „Planungsgrundsätze für Einstaudächer“;

• der von Budapest 2025 herausgegebene methodische Leitfaden „Schwammstadt – Regenwasserrückhaltung im städtischen Umfeld“;

• sowie der am 16.03.2026 bei HVG erschienene Artikel „Szeged vergräbt eine halbe Milliarde Forint im Boden, damit die Innenstadt nicht austrocknet“ bildeten die Grundlage für diesen Beitrag.